Lokführer Titelbild

Der Lokführer Benedikt im Interview

Für Züge gibt es einige interessante Rekorde. Der Velaro von Siemens, die auch den ICE herstellen, hat bei Testfahrten schon eine Geschwindigkeit von 403 Stundenkilometern erreicht. Der längste je gefahrene Zug der Welt war beachtliche 7,353 Kilometer lang und brachte 99.732 Tonnen auf die Waage, die auf 682 Waggons und 5648 Achsen verteilt waren. Wenn man das nächste mal am Bahnüberweg warten muss sollte man sich also in Erinnerung rufen dass es durchaus schlimmer sein könnte. Für den Alltag reicht es aber wenn uns die Flotte der Bahn sicher von A nach B bringt. Dazu brauchen wir natürlich Lokführer wie Benedikt, der auf seinem Blog über seine Alltagserlebnisse berichtet. Im Interview erzählt er uns mehr über seinen Beruf.

 

 

 

Warum wolltest du Zugführer werden?

Gleich mal vorweg eine kleine Begriffsklärung: Der Großteil der Lokführer, die so unterwegs sind, sind zwar aus betrieblicher Sicht tatsächlich auch Zugführer. Aber eben nur “auch”. Das ist leider ein Manko der Medien, dass für Artikeln viel zu wenig recherchiert wird und dementsprechend viel Unsinn darin steht. Dem versuche ich hiermit auch ein wenig entgegen zu wirken. Es ist und bleibt immer noch “Lokführer”. Alternativ die modernere Variante “Triebfahrzeugführer”. ;-)

Aber zur eigentlichen Frage: ich hatte schon als Kleinkind eine Faszination für die Eisenbahn. Auf dem Gymnasium hatte ich dann den Plan, später Informatik zu studieren. Einer meiner damaligen Lehrer verschaffte mir deswegen ein Probestudium an der Uni in München. Das war sehr hilfreich, weil es mir die Augen öffnete: ich kann und will nicht wirklich einen Bürojob haben. Außerdem ist es viel zu theoretisch für mich. Also entschloss ich mich nach Alternativen umzusehen. Und machte spontan ein Praktikum bei der S-Bahn München als Lokführer. Ich hatte richtig Glück mit dem Kollegen, bei dem ich die Woche mitgelaufen bin, er hat in mir dann endgültig die Entscheidung geweckt: ich werde Lokführer und erfülle mir einen Kindheitstraum!


Wie sieht die Ausbildung dazu aus?

Die Ausbildung dazu ist heute anders als früher. Es ist mittlerweile ein anerkannter Ausbildungsberuf. Die Ausbildung zum “Eisenbahner im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokführer & Transport” (es gäbe noch die Fachrichtung Fahrweg, das ist dann für die Fahrdienstleiter auf den Stellwerken) dauert in der Regel 3 Jahre, viele (wie auch ich) können aber mit guten Leistungen auf 2,5 Jahre verkürzen. In dieser unglaublich genialen Ausbildungszeit lernt man das gesamte Eisenbahnwesen in allen seinen vielen Facetten kennen. Das reicht natürlich vom reinen Fahren lernen (was letztlich der Hauptbestandteil ist) über Wagentechnik, Bremsprobeausbildung, Service am Kunden, teils auch Fahrkarten kontrollieren über ganz vieles kleines auch zur anderen Fachrichtung Fahrweg, wo man auch lernt, was es heißt, den Fahrdienst zu leiten und ein Stellwerk zu bedienen. Was man genau macht hängt natürlich auch vom Betrieb und Unternehmen ab. Privatbahnen bieten diese Ausbildungen teils auch an und im Güterverkehr ist natürlich der Fahrgast nicht priorisiert, da man keinen Kontakt zu diesen hat, das ist bei Regio sehr ausgeprägt, der Fernverkehr zum Beispiel legt wiederum sehr viel Wert auf technisches. Es sind auf jeden Fall geniale Jahre, die ich niemals vergessen werde!

696433_web_R_B_by_Martin Jäger_pixelio.de

 

Welche Art Züge und Strecken fährst du momentan?

Aktuell bin ich im Ortsdienst vom Münchner Fernverkehr tätig. Etwas, was man als Fahrgast nicht bis kaum sieht. Ich bin sehr im Hintergrund tätig und fahre aktuell nur ICEs. Ich stelle sie ab, wenn sie in München angekommen sind, fahre mit ihnen waschen, in die Werkstatt rein und raus, fahre sie zur Innenreinigung, auf die Drehbank, damit die Räder bei Bedarf wieder rund geschliffen werden können oder gehe mit ihnen auf Drehfahrt, damit die erste Klasse wieder richtig rum steht und der Fahrgast am Bahnsteig sich auch gleich richtig platzieren kann, wenn er seinen Wagen sucht in dem er reserviert hat. Und wenn ich einen ICE aufstelle am Bahnsteig, der dann etwa auf große Fahrt nach Hamburg oder so geht, dann bin ich dafür verantwortlich, alles zu prüfen, muss ihn vorbereiten für die Zugfahrt und dann letztlich an den Bahnsteig rangieren, damit die Fahrgäste einsteigen, das BordRestaurant beladen werden kann und der Streckenlokführer dann den Zug fahren kann.

Gegen Ende des Jahres werde ich dann aber in den Streckendienst wechseln. Dann mache ich diese Aufgaben nur noch zeitweilig, weil ich hauptsächlich durch halb Deutschland unterwegs bin. Dann geht es mit bis zu 300 km/h von München in alle möglichen Richtungen zum Beispiel nach Nürnberg, Hannover, Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe, Lindau, Garmisch-Partenkirchen, Passau, Leipzig und viele andere Möglichkeiten.

 

Warum hast du es dir zum Ziel gesetzt alle deutschen Bahnstrecken einmal abzufahren?

Ich bin verdammt gerne unterwegs, verreise sehr viel und entdecke gerne neue Städte und Regionen. Es gibt einige sehr interessante Eisenbahnstrecken in Deutschland. Damit ich einen Überblick habe, legte ich mir vor ein paar Jahren einen Eisenbahnatlas zu, auf dem alle Strecken verzeichnet sind. Da ich mir markierte, auf welchen Strecken ich schon unterwegs war, fing ich mit einem Kollegen an, das auszubauen, Lücken zu füllen etc. Und irgendwann dachte ich mir: Hey, warum nicht versuchen, einmal auf allen Strecken in Deutschland gefahren sein? Das ist definitiv nicht leicht. Man braucht sehr viel Zeit, gerade wenn man im Süden Deutschlands wohnt muss man ja richtig viel Anreisezeit einplanen, wenn man in den Norden will und es werden immer wieder leider auch Strecken stillgelegt. Aber es ist auch insofern spannend, weil man während dieser Fahrten immer wieder sehr interessante Menschen kennenlernt und mit ihnen ins Gespräch kommt. Außerdem ist es doch nett, wenn man sagen kann: ich hab schon fast ganz Deutschland bereist ;-)

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Wie sehr unterscheiden sich S-Bahnen beim Fahren von größeren Zügen?

Aus betrieblicher Sicht macht das praktisch kaum einen Unterschied. Das liegt nur an den unterschiedlichen Strecken und Fahrzeugen, die man so (be)fährt. Die mit Abstand meiste Schieneninfrastruktur in Deutschland gehört ja der DB Netz AG. Und demzufolge müssen sich alle Züge nach den dort gültigen betrieblichen Regeln richten. Das ist sehr viel komplexer als im Straßenverkehr. Und es macht dabei keinerlei Unterschied, ob man nun mit einer S-Bahn, einem Güterzug oder einem ICE unterwegs ist oder als privates Unternehmen. Für alle gelten die gleichen (sehr strengen) Regeln.

Der größte Unterschied sind die Fahrzeuge. Eine S-Bahn zu fahren ist im Vergleich relativ einfach, da sie technisch in der Regel eher moderat ausgestattet ist und vieles vom Computer übernommen wird. Allerdings sieht das auf einer Diesellok älteren Baujahres schon wieder ganz anders aus. Da muss man in der Regel alles selbst machen und es fährt und vor allem bremst sich ganz anders. Jeder Zug bremst immer irgendwie anders. Es ist ein riesiger Unterschied beim Bremsen zwischen einer S-Bahn und einem 700-Meter-Güterzug.

 

Bist du im Führerhaus alleine oder hast du da andere Mitarbeiter?

In der Regel ist man da tatsächlich alleine. Eventuell hat man mal einen Azubi dabei, der dir bei der Arbeit über die Schulter sehen soll oder der bei einem Fahrpraxis bekommt, mindestens einmal im Jahr muss auch der Gruppenleiter eine Überwachungsfahrt machen und sehen, dass du deine Arbeit richtig machst. Einfach so jemanden da rein lassen ist allerdings nicht erlaubt. Das ist zu gefährlich und kann ernsthafte Konsequenzen für beide darstellen. Für den Lokführer, sowie für die Person, die unberechtigt mitfährt. Das kann bis zu einer Anklage wegen “schweren Eingriffs in den Eisenbahnverkehr” gehen, darauf steht sogar Gefängnisstrafe.

Beim Fernverkehr finde ich sehr angenehm, dass man während der Fahrt (außer bei Leerfahrten ohne Fahrgäste) nie alleine ist, weil eine Mannschaft an Zugbegleitpersonal an Bord ist. Da kann es dann schon mal sein, dass man Besuch vom Zugführer bekommt, der einen Kaffee aus dem Bistro mitbringt und einen kleinen Ratsch hält, wenn gerade Zeit dafür ist und es für ihn möglich ist. Im Steuerwagen geht das natürlich während der Fahrt sehr leicht, aber er kann ja nicht einfach auf eine Lok kommen ;-)

Grundsätzlich ist man als Lokführer aber Einzelkämpfer und Teamplayer gleichzeitig. Während der Fahrt ist man größtenteils sein eigener Chef, muss aber mit dem Fahrdienstleiter, der Lokleitung im Betrieb, der zentralen Verkehrs- beziehungsweise Transportleitung, der Betriebszentrale etc. zusammenarbeiten. So richtig alleine ist man beim Fahren also nie ;-)

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Verglichen mit einem Auto oder Motorrad, wie schwierig ist es einen Zug zu fahren?

Das kann man so einfach nicht vergleichen, weil man es hier mit ganz anderen Dimensionen von Fahrzeugen zu tun hat. Ein Auto ist vielleicht etwa 5 Meter lang. Bringt zwei Tonnen Gewicht auf die Straße und hat vielleicht 100 PS. Sowie eine gute Haftung durch Gummireifen, die für ordentlich Grip auf dem Asphalt sorgen.

Nehmen wir als Beispiel eine Doppeltraktion ICE 3 (zwei ICE 3 zusammengekoppelt): hier haben wir ein Gesamtgewicht von 1000 Tonnen (das ist vergleichsweise leicht, bei Güterzügen gibt es auch schon mal das drei oder vierfache davon) verteilt auf 64 Achsen, die Hälfte davon angetrieben, der Zug ist über 400 Meter lang (maximale Länge darf 740 Meter in Deutschland betragen), hat zusammen über 20.000 PS umgerechnet. Und man fährt mit Stahlrädern auf Stahlschienen. Das bedeutet: geringe Reibung. Das heißt, man kann den Zug sehr lange ohne Geschwindigkeitsverlust über weite Strecken rollen lasen. Das ist natürlich aber beim Anfahren und Bremsen weniger vorteilhaft, weil man schneller ins Rutschen und Gleiten kommt. Zumal sich eben so ein Zug komplett anders bremst, als ein Auto oder Motorrad.

Mit der durchsichtigen Scheibe in den neuen ICEs hat man dem Fahrgast ermöglicht, dem Lokführer bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Nett gemeint, allerdings kommen so die Medien auf die Idee, uns als “Knöpfchendrücker” zu bezeichnen. Wenn ein ICE mit über 160 km/h unterwegs ist, dann greifen sehr viele Computersysteme. Mit der eingeschalteten automatischen Fahr- und Bremssteuerung (AFB) sieht es dann wirklich so aus, als müsste der Lokführer einfach nur da sitzen und dem Zug bei der Arbeit zusehen, während er ihm durch die Sicherheitsfahrschaltug (Sifa) regelmäßig bestätigt, dass er aufmerksam ist. Tatsächlich ist es allerdings weit mehr.

Der Lokführer muss dabei hoch konzentriert sein. Man muss sich das aus physikalischer Sicht einmal vorstellen: 1000 Tonnen rasen mit 300 km/h durch die Landschaft. Eine unvorstellbar große kinetische Energie, die der Zug beziehungsweise das regelrechte Geschoss dabei hat. Dazu ein kleiner Vergleich: prallt ein leerer Kesselwagen mit Schrittgeschwindigkeit auf eine Mauer, dann ist das die gleiche Energie, wie wenn ein VW Golf mit 60 km/h ungebremst in eine Mauer fahren würde. Dessen muss sich ein Lokführer stets bewusst sein. Er muss seinen Zug führen und stets unter Kontrolle haben. Auch während er den Computer fahren lässt bei 300 muss er dessen Arbeit akribisch beobachten und im Zweifelsfall sofort eingreifen. Dazu natürlich zeitgleich sämtliche Instrumente mit allerlei Messwerten im Auge behalten. Aber auch Fahrwegbeobachtung gehört dazu. Nicht nur die Signale an der Strecke, es darf nichts in den Fahrweg ragen (etwa ein Ast von einem Baum), er muss die Oberleitung beobachten, ihm entgegenkommende Züge und vieles mehr. Darüber berichten Zeitungen und Medien leider nie. Aber einen Zug zu führen (ich sage absichtlich nicht fahren) ist sehr viel komplexer, als es die meisten glauben.

Ich hoffe, ich konnte damit darstellen, dass man das nicht so direkt vergleichen kann.

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Wird dir manchmal langweilig oder wirst du frustriert wenn es viele Behinderungen oder Wartereien gibt?

Das ist eine sehr interessante Frage, die hat mir noch niemand gestellt. Langweilig ist es bei der Eisenbahn eigentlich nie. Irgendwas ist immer. Manchmal sind es unbedeutende Kleinigkeiten, manchmal natürlich schlimme Großereignisse. Das beste, was man in solchen Situationen machen kann ist, die Ruhe zu bewahren, die Situation analysieren und zu wissen, was zu tun ist.

Dass es natürlich nicht sehr schön ist, wenn man auf dem Weg zurück und letztlich auf dem Weg in den Feierabend ist und dann vor einem die Strecke aus irgendeinem Grund gesperrt ist auf vorerst unbestimmte Zeit, da ärgert man sich natürlich schon. Aber was will man machen, wenn es nicht weiter geht, geht es eben nun mal nicht weiter. :-)


Was macht dir Spaß an deinem Job?

Das ist eine ganze Menge – insbesondere wohl, dass ich verdammt gerne mit Technik zu tun habe, sehr gerne unterwegs bin und einfach die Eisenbahn mag. Außerdem ist es ein schönes Gefühl, Menschen von A nach B zu bringen, sie zur Arbeit zu fahren oder in ihren Feierabend, Familien in den Urlaub zu fahren, zwei Partner einer Fernbeziehung wieder zusammen zu führen, die sich möglicherweise lange nicht gesehen haben und, und, und.

Für mich ist das auch keine “Arbeit” in diesem Sinne. Ich mache es mit Herzblut und großer Begeisterung. Wie hat schon ein berühmter Mann gesagt: “Wer seinen Beruf liebt, braucht keinen Tag zu arbeiten” – ich finde, da ist was dran. Dass es manchmal natürlich trotzdem anstrengend ist und ich nach einer langen Schicht froh bin, nach Hause zu kommen und die Eisenbahn erstmal wieder nebensächlich sein zu lassen, ist wohl jedem klar. Aber ich gehe jeden Tag gerne in die Arbeit und ich finde, sowas ist ganz wichtig. :-)

Es ist einfach mein Traumberuf.

 

 

Bilder: Titelbild: Clker; Roter Zug: Martin Jäger  / pixelio.de; Innenraum: Mæxx  / pixelio.de; Aussicht: Martin Jäger  / pixelio.de; Rote Züge:Erich Westendarp  / pixelio.de

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