Alltag als Rettungssanitäter Titelbild

Fabian über das Rettungsdienst-Dasein

Meistens begegnet man ihm einige Male pro Woche auf der Straße, macht im Auto Platz oder ärgert sich als Fußgänger über die lauten Sirenen. Niemand will in einer Situation sein in der man ihn braucht, aber wenn man in solch eine Situation kommt, ist man froh dass es ihn gibt. Die Rede ist vom Rettungsdienst, der mit seinen 47.000 allein hauptberuflichen Mitarbeitern in Deutschland tagtäglich Leben rettet und für Verletzte sorgt. Mein heutiger Interviewpartner Fabian, der mehr zum Thema auf seinem Blog niederschreibt, arbeitet im Rettungsdienst und erzählt uns im Interview mehr über seinen Beruf.

 

 

Wie bist du zum Rettungsdienst gekommen?

Eigentlich wurden die Weichen dafür schon recht früh gestellt, als ich im Kindesalter ganz alleine zu einem Unfall mit einem schwerverletzten Fahrradfahrer kam. Ich hatte damals keinen blassen Schimmer von erster Hilfe und so versuchte ich, so schnell wie möglich Hilfe zu holen. Das gelang mir dann auch glücklicherweise nach einiger Zeit. Ich hatte damals unglaubliche Angst, war mit der Situation völlig überfordert und bin glaube ich tausende von Tode gestorben, bis (nach einer gefühlten Ewigkeit) endlich der Rettungsdienst eintraf. Das Gefühl nicht zu wissen, was zu tun ist, war schrecklich und ich wollte so etwas nie mehr wieder erleben. Also entschloss ich mich einige Zeit später dazu, die Erste Hilfe zu lernen. Irgendwie habe ich mich dann mit dem „Virus“ infiziert, mich vom Ersthelfer über Schulsanitäter, Rettungshelfer, Pflegediensthelfer und Rettungssanitäter bis hin zum Rettungsassistent weiterqualifiziert und schließlich erkannt, dass ich meinen Traumberuf (und meine Berufung) gefunden habe. Ich bin dabei geblieben und habe es bis heute keinen einzigen Tag bereut. Heute bin ich als Lehrrettungsassistent und Einsatzleiter bei einer großen Hilfsorganisation, sowie als Dozent in der Aus- und Fortbildung von Rettungsfachpersonal tätig.


Was genau macht ein Einsatzleiter?

Den Dienst als Einsatzleiter versehe ich ehrenamtlich, zusätzlich zu meiner regulären Arbeit im Rettungsdienst. Hierfür steht mir ein spezielles Fahrzeug in ziviler Ausführung zur Verfügung, das ich mit nach Hause nehme.
Generell kommt ein Einsatzleiter immer dann zum Einsatz, wenn erhöhter Koordinierungsbedarf besteht. Dies sind klassischerweise größere Schadenslagen, in denen mehrere sogenannte „Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben“ (Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei, THW, …) zusammenarbeiten. Beispiele hierfür sind Verkehrsunfälle mit mehreren Verletzten, Brände mit Personen in Gefahr, Vermisstensuchen oder auch Einsätze mit erhöhtem Gefährdungspotential. Die Aufgabe des Einsatzleiters besteht darin die Einsatzkräfte vor Ort zu koordinieren und die Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen vor Ort zu organisieren.

 

Rettungsdienst Alltag

 

Wie schlimm ist eine Verletzung normalerweise wenn mit Blaulicht gefahren wird?

Diese Frage ist relativ schwer zu beantworten, da es immer stark davon abhängig ist, was der Anrufer dem Disponenten in der Leitstelle meldet. Dieser entscheidet anhand des Meldebildes, ob die Einsatzkräfte mit oder ohne Blaulicht entsendet werden. In Deutschland wird Sondersignal beziehungsweise das sogenannte „Wegerecht“ immer dann in Anspruch genommen, wenn „höchste Eile geboten ist, um Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwenden, flüchtige Personen zu verfolgen oder bedeutende Sachwerte zu erhalten“. Dies regelt Paragraph 38 der Straßenverkehrsordnung. Klare Indikatoren dafür sind, bezogen auf den Rettungsdienst, natürlich alle lebensbedrohlichen Zustände, wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Atemnot, Kreislaufstillstand, massiver Blutverlust, usw. Ich denke man kann sich jedoch vorstellen, wie schwer es für einen Disponenten manchmal sein kann, genau herauszufinden welche Verletzung oder Erkrankung vorliegt. In der Regel sind die Anrufer ja Laien, die sich in einer Ausnahmesituation befinden, ganz und gar nicht tiefenentspannt sind und die Situation gegebenenfalls falsch einschätzen. Kann der Disponent trotz einer gezielten, standardisierten Abfrage nicht zu 100% ausschließen, dass für den Patienten bei längerer Wartezeit ein Schaden entsteht, so wird er sich zur Sicherheit für die Anfahrt mit Blaulicht entscheiden. Hier gilt dann die Devise: Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig.
Aber keine Sorge, es wird nicht einfach willkürlich mal alles mit Sondersignal gefahren. Die Disponenten sind gut ausgebildet und darauf geschult, bei einem Notruf die „Spreu vom Weizen“ zu trennen.

 

Gibt es bestimmte Zeiten, an denen bestimmte Verletzungen besonders häufig sind?

Natürlich gibt es die. Insbesondere auf die Jahreszeiten bezogen, stellt man hier Unterschiede fest. Während im Sommer vermehrt Motorradunfälle, Insektenstiche oder hitzebedingte Kreislaufprobleme auftreten, sind es im Winter eher Stürze und Unterkühlungen. Teilweise kann man das auch an bestimmten Anlässen fest machen. So gibt es um die Weihnachtszeit herum beispielsweise vermehrt Suizidversuche. Auf den Tag bezogen wird es diesbezüglich schon deutlich schwieriger. Hier kann man Notfälle in der Regel nicht an bestimmten Tageszeiten fest machen.

 

Angenommen man hat keine Ahnung von erster Hilfe und man ist der Erste der an einen Unfall am Straßenrand ankommt. Was rätst du zu tun?

Ich rate dazu, die Kenntnisse in Erster Hilfe regelmäßig aufzufrischen, damit diese Situation nie eintrifft. ;-) Generell gilt die Devise: Nichts ist schlimmer, als nichts zu tun! Eine Sache, die wirklich jeder von uns hinbekommen sollte, ist zum Telefon zu greifen und einen Notruf abzusetzen. Dazu ist im Übrigen auch jeder Bürger verpflichtet (Stichwort Unterlassene Hilfeleistung). Hierzu gibt es zu sagen, dass die Notrufnummer 112 europaweit einheitlich und aus jedem Netz kostenfrei erreichbar ist. Ein paar konkrete Tipps, um „am Patienten“ aktiv zu werden, habe ich aber natürlich auch: Ansprechbare Patienten profitieren beispielsweise schon gewaltig davon, wenn einfach jemand da ist, mit ihnen spricht, sie beruhigt und ihnen die Angst nimmt. Bei bewusstlosen Patienten ist auf jeden Fall die Atmung zu überprüfen!
Ist die Atmung vorhanden, wird der Patient auf die Seite gedreht. Wer sich an die stabile Seitenlage nicht mehr erinnert – Bitte dreht den Patienten einfach auf die Seite, egal wie. Der Mund sollte dabei der tiefste Punkt sein, so dass Erbrochenes herauslaufen und die Zunge nicht „nach hinten“ fallen kann. Ob die Seitenlage nun „stabil“ ist oder nicht, ist in diesem Fall egal. Das ist wirklich einfach und bewahrt den Patienten vor dem Erstickungstod. Ist keine Atmung vorhanden, muss umgehend (!) damit begonnen werden, schnell und fest auf die Mitte des Brustkorbes zu drücken! Das wird so lange ununterbrochen gemacht, bis Hilfe eintritt. Und bitte: Keine Angst vor Rippenbrüchen oder sonstigen Schäden. Das Drücken auf den Brustkorb ist die einzige Maßnahme, die das Leben des Patienten noch retten kann! Wer es sich zutraut, kann nach jeweils 30 Kompressionen immer zwei Atemspenden (Mund zu Mund oder Mund zu Nase) durchführen. Wer sich dies nicht zutraut, der drückt einfach ununterbrochen, bis Hilfe eintrifft!

 

Rettungssanitäter werden

 

Siehst du die Welt mit anderen Augen, zum Beispiel wenn du an einem Unfall vorbeifährst?

Ich fahre an einem Unfall nicht vorbei. Ich halte an und helfe! ;‐) Generell sehe ich die Welt natürlich mit anderen Augen. Ich bekomme ja quasi regelmäßig „live“ mit, wie schnell das Leben vorbei sein kann… Man merkt das in sämtlichen Lebenslagen und unzähligen Situationen. Es würde absolut den Rahmen sprengen, wenn ich das hier nun alles aufzählen und beschreiben würde.

 

Nachdem ein Patient versorgt und ins Krankenhaus geschafft wurde, bekommst du dann noch etwas vom weiteren Verlauf seiner Genesung mit oder ist der Patient damit abgeschlossen?

In der Regel bekomme ich von den Patienten im Nachhinein nichts mehr mit. Und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Der Grund dafür ist, dass ich eine gewisse Distanz zu der Geschichte habe, weil ich von jedem Patient nur einen sehr kleinen Ausschnitt seines Lebens mitbekomme. Je mehr man vom Lebens‐ und Leidensweg eines einzelnen Patienten mitbekommt, desto schwieriger wird es, die Distanz zu wahren. Würde ich über jeden Einsatz oder jeden Patienten im Nachhinein noch lange nachdenken, dann könnte ich den Beruf wohl nicht besonders lange ausüben. Mein Job endet, wenn ich den Patienten in der Klinik übergeben habe. Natürlich gibt es aber Einzelfälle, in denen ich mich im Nachhinein noch einmal erkundige, wie es für den Paenten ausging. Das sind aber wirklich nur Einzelfälle und spätestens danach ist der Fall dann wirklich erledigt.

 

Wie schwierig ist es, mit Blaulicht durch die Stadt zu fahren?

Deutlich schwieriger als man denkt! Man muss immer höchst konzentriert sein und seine Augen am besten überall haben. Außerdem gilt immer die Devise „Erwarte das Unerwartete!“. Es ist teilweise wirklich abenteuerlich, wie manche Verkehrsteilnehmer reagieren, wenn sich ein Einsatzfahrzeug nähert. Da passieren teilweise Dinge, die man nie für möglich halten würde. Von plötzlichen Vollbremsungen, scharfen Ausweichmanövern und Wettrennen mit uns ist da so ziemlich alles dabei.

 

Beruf als Rettungssanitäter

 

Ein Schuhmacher, der an einem Tag 200 Schuhe zusammenbaut, kann abends sagen „Heute hatte ich einen guten Tag“. Was ist für dich auf der Arbeit ein guter Tag?

So etwas ist in meinem Beruf natürlich schwer an „Stückzahlen“ festzumachen. Es ist auch schwer, einen „guten Tag“ im Rettungsdienst so zu definieren, dass es nicht zu Missverständnissen kommt. Aber ich versuche es und rolle das Feld einmal von hinten auf: Tage, an denen wir die komplette Schicht lang ohne Pause von einem zum nächsten Einsatz fahren, sind nicht besonders toll. Erstens weil das natürlich extrem anstrengend und fordernd ist und zweitens, weil das natürlich auch bedeutet, dass es vielen Menschen sehr schlecht geht. Tage, an denen wir nur ein oder zwei Einsätze fahren, sind aber auch nicht gerade beliebt. Da kommt einem so eine 12-Stunden-Schicht dann extrem lang vor und man fragt sich, wieso man morgens überhaupt aufgestanden ist. Natürlich möchten wir Einsätze fahren. Es dürfte auch verständlich sein, dass wir auch gerne mal „richtig arbeiten“. Dabei rede ich jetzt nicht von einer Blutdruckentgleisung, oder einem verstauchten Fuß. Ich rede von Patienten, bei denen wir unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten voll ausschöpfen und „wirklich Leben retten“ können. Ein Schreiner möchte ja auch nicht jeden Tag nur irgendwelche Bretter zusägen, sondern lieber auch mal ein kompliziertes und forderndes Projekt realisieren und zeigen, was er in der Ausbildung so gelernt hat… Ein guter Tag für mich ist demnach, wenn es nicht allzu viele Einsätze gibt, aber die dafür wirklich gerechtfertigt sind und ich allen Patienten helfen kann. Es ist ein tolles Gefühl, abends nach Hause zu gehen und zu wissen, dass einige Menschen nur deshalb jetzt noch am Leben sind, weil ich alles gegeben und gute Arbeit geleistet habe! Aber es gibt auch tatsächlich richtig schöne und erfreuliche Einsätze im Rettungsdienst. Ein gutes Beispiel dafür wäre eine Geburt. Es ist ein wirklich schönes Gefühl ein Kind auf die Welt zu bringen und in die Arme der frisch gebackenen und überglücklichen Eltern zu legen! Das wäre natürlich auch ein Einsatz, der einen Tag zu einem guten Tag werden lässt… ;‐)


Was bereitet dir Freude am Rettungsdienst-Dasein?

Ich habe auch schon in einem Krankenhaus und in einer Produktion gearbeitet. Dabei musste ich feststellen, dass es für mich nicht in Frage kommt, jeden Tag zur gleichen Zeit ins gleiche Gebäude zu gehen und immer die gleiche Arbeit zu machen. Es macht einfach Spaß „draußen“ zu arbeiten und nie zu wissen, was als nächstes kommt. Der Job ist sehr abwechslungsreich und spannend, teilweise sehr fordernd, manchmal belastend und manchmal wiederum sehr erfreulich. Rettungsdienst ist psychisch und auch physisch sehr anstrengend. Wir müssen nicht nur die Erkrankung oder Verletzung in den Griff kriegen, sondern uns auch um die Logistik kümmern. Die Patienten müssen ja schließlich aus unterschiedlichsten Lagen befreit, transportfähig gemacht und ins Fahrzeug gebracht werden. Wir arbeiten auf dem Rettungswagen als autonome Einheit. Aus diesem Grund sind wir gut funktionierende und hervorragend aufeinander abgestimmte Teams. Wir müssen uns im Einsatz immer blind aufeinander verlassen können, müssen viel improvisieren und Probleme aller Art lösen. Damit sind wir immer unser eigener Chef und vielmals sozusagen die „letzte Instanz“. Wenn wir das Problem nicht in den Griff kriegen, dann kriegt’s wohl auch sonst keiner hin, denn nach uns kommt so schnell niemand mehr.
Es ist sehr schwer, den Reiz des Rettungsdienst-Daseins in Worte zu fassen. Das Ganze ist, wie vorher schon mal kurz angeschnitten, wie ein Virus. Wer einmal damit angefangen hat (und auch körperlich und geistig zur Ausübung dieses Berufes in der Lage ist), der wird sich relativ schnell mit dem Virus infizieren und nur sehr schwer wieder davon weg kommen. Kurz gesagt: Es ist einfach einer der schönsten Berufe, die es gibt! ;-) .

 

 

Bilder: Titelbild: Clker; Längliches Blaulicht: FotoHiero  / pixelio.de; Rettungswagen im Gelände: W. Broemme  / pixelio.de; Rundes Blaulicht: Lupo  / pixelio.de

  • Jana

    Durch meinen Sohn bin ich leider mehr als einmal gezwungen gewesen, mit dem Rettungswagen in die Klinik zu fahren, und ich kann nur sagen, die Menschen, die diesen Job machen, haben meinen höchsten Respekt. Sehr schnell und fast immer freundlich gewesen (niemals unfreundlich), das ist in so einer angespannten Situation sehr wichtig. Insofern kann ich ganz persönlich nicht nur den Ärtzen, sondern auch den Kompetenten Zubringern meinen Dank und Respekt aussprechen.

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