Tanja Reinschmidt spricht über Tierpsychologie und das Tierheim

Dieses mal habe ich der Katzenpsychologin Tanja Reinschmidt ein paar Fragen gestellt. Tanja hilft Menschen, die Probleme mit ihren Katzen haben diese zu beseitigen, also so ähnlich wie der Hundeprofi. Außerdem arbeitet sie noch im Tierheim und betreut dort die häufig scheuen und agressiven Katzen und bringt ihnen den Umgang mit den Menschen bei. Die Erlebnisse bei ihrer Arbeit teilt sie auf ihrem Blog kummerkatze.de. Wenn ihr selbst von katzentechnischen Problemen betroffen seid, könnt ihr Tanja dort auch um Rat fragen.


Erzählen Sie doch zunächst einmal, was Sie in Ihrem Beruf genau machen. Helfen Sie Katzenhaltern, das Verhalten ihrer Katzen zu verbessern oder führen Sie auch Studien oder Versuche durch, die Rückschlüsse auf das Denken der Tiere geben?

Ich berate Menschen bei Problemen rund um die Katze. Die Katze ist mittlerweile Haustier Nr. 1 in Deutschland und vielen anderen Ländern. Im engen Zusammenleben mit uns Menschen wird der Katze oft viel abverlangt, die Bedürfnisse der Tiere werden missverstanden und die Möglichkeiten der Katze sich zu artikulieren sind oft begrenzt. So entstehen Missverständnisse, die ich versuche im Sinne der Katze aufzulösen. Also verbessere ich meist das Verhalten der Halter, indem ich versuche Respekt vor den Bedürfnissen der Katze zu schaffen. Dies gelingt, indem die Halter ihre Katzen und deren Signale einfach besser verstehen lernen.

Ein häufiges Beispiel für ein solches Missverständnis ist die Spielaggression: Unterforderte Katzen arbeiten ihre Beutefangappetenz an falschen Objekten ab, meist an nackten Füßen oder Waden von Menschen auf die sich die Katze aus einem Hinterhalt stürzt. Schmerzhaft für den Menschen, aber ein großes Vergnügen für die Katze. Hier hilft Aufklärung des Menschen, feste Spielzeiten mit Distanzspielzeugen und geistige Beschäftigung.

Mein persönlicher Schwerpunkt liegt in der Tierschutzarbeit. Ich arbeite fast täglich ehrenamtlich mit ängstlichen, scheuen oder aggressiven Katzen, die im Tierheim gelandet sind und auf Grund ihres Verhaltens kaum Chancen auf ein neues Zuhause haben – Die meisten können mit der richtigen Therapie ihre Beziehung zu uns Menschen wieder neu aufbauen und ich freue mich jedes Mal, wenn ich sehe, dass die Tiere sich weiterentwickeln. Viele von meinen Tierheim-Klienten sind jetzt schon in einem schönen neuen Heim, einigen von ihnen hätte man das zuerst nie zugetraut.

Es gibt nur wenige neuere Studien zum Verhalten von Katzen und noch viele offen Fragen, gerade im Hinblick auf die soziale Organisation von Sozialbeziehungen. Die meisten neueren Studien wurden in England oder USA erstellt. Zurzeit läuft eine sehr interessante Untersuchung von der University of Pennsylvania. Hier geht es um die Entwicklung eines Fragebogens, der Aufschluss über die Verbindung bestimmter Wesenszüge der Katze und ihrer geistigen und sozialen Fähigkeiten gibt.

Systematische Studien betreibe ich nicht, obwohl ich das gerne täte – dazu fehlen mir momentan Zeit und Mittel.

Bei meiner Arbeit im Tierheim beobachte ich die einzelnen Tiere natürlich genau und versuche auch Rückschlüsse und Regeln für bestimmte Verhaltensweisen zu finden, aber das Störfeuer im Tierheim (Gruppenhaltung, Stress, wechselnde Bestände, Hundegebell, Besucher, fehlende soziale Kontakte zu Menschen, fehlende Beschäftigung etc.) ist so groß, dass eine allgemeine Beurteilung recht schwer ist, hier geht es ja auch eher um den jeweiligen Einzelfall.

Doch man muss ganz klar sagen, dass selbst einfache Prognosen, wie sich ein spezielles Tier dann in einem geordneten Zuhause entwickelt schon schwer genug sind. Natürlich lernt man in einer so intensiven Zusammenarbeit mit den Tieren immer wieder eine Menge Neues über die unterschiedlichsten Aspekte des Katzenverhaltens, sei es Spielverhalten, soziales Lernen oder Gruppenstrukturen.

Auf meiner Homepage kann man meine Arbeit in meinem Blog verfolgen, und lesen welche Fortschritte einzelne Katzen oder ganze Gruppen machen und was ich unternehme, um das Verhalten der Katzen positiv zu beeinflussen.

 

 

Warum beschäftigen Sie sich ausgerechnet mit dem Verhalten von Katzen?

Das hat einen ganz persönlichen Hintergrund: Vor Jahren habe ich einen Kater auf dem Seitenstreifen der Autobahn bemerkt – den habe ich aufgelesen und nach Hause gebracht. Im Gegensatz zu meinen beiden netten verwöhnten Hauskatern, die ich von klein auf hatte, machte es uns dieser Kater recht schwer. Er war sehr scheu und aggressiv, nach einer kurzen Zeit begann er nachts auch noch zu schreien. Damals war es schwer für uns, kompetenten Rat zu bekommen.

Eigentlich seltsam, denn während es damals bereits salonfähig war, mit seinem Hund in die Hundeschule zu gehen, Agility zu machen oder sich bei Verhaltensproblemen an einen Hundetrainier oder Verhaltensberater zu wenden, trauten sich die Katzenhalter nicht so Recht, derartige Unterstützung abzufordern. Es war also eine ganz pragmatische Entscheidung, die Ausbildung zur “Tierpsychologin” mit Schwerpunkt Katze anzufangen.

Ich finde die Bezeichnung “Tierpsychologin” im Übrigen Irreführend. Ich finde die Bezeichnung “Verhaltens- und Haltungsberaterin” sinnführender.

 

 

Was macht diese Tiere für Sie besonders?

Katzen sind in vielerlei Hinsicht interessant. Es gibt viele Dinge, die man sich noch nicht erklären kann, zum Beispiel werden Katzen eigentlich als fakultative Einzelgänger bezeichnet. Trotzdem gibt es für eine Spezies unverhältnismäßig viele verschiedene soziale Strukturen, in denen Katzen leben. Es gibt unter potenten Katern eine Männergemeinschaft, die der Papst der Katzenverhaltenskunde, Paul Leyhausen, als Bruderschaften beschrieben hat. Es gibt Katzenkolonien, in denen Kätzinnen gemeinsam ihre Würfe großziehen und mit einander kooperieren. Es wurden monogame lebenslange Beziehungen aufgefunden. Es gibt regelmäßige nächtliche Zusammenkünfte, für die es keinen ersichtlichen Grund gibt. Nicht verwandte und nicht befreundete Katzen aus der Umgebung treffen sich zu festen Zeiten an einem festen Ort und hängen so zusagen miteinander ab. Keiner kann sich erklären warum. Das sind viele auch aus verhaltensökologischer Sicht interessante Punkte.

 

Gibt es eine Eigenschaft an Katzen, die Sie nicht leiden können?

Nein, mir fallen ehrlich gesagt, sowieso keine Tiere ein, deren Eigenschaften ich nicht mag könnte. Egal ob, Eigenschaften im Sinne von individuellen Charaktermerkmalen oder Eigenschaften die die Art beschreiben.


Welche Tiere halten Sie momentan selbst?

Ich habe vier Katzen, zwei Kater und zwei Kätzinnen und gelegentlich einen Pflegefall aus dem Tierheim zuhause, wenn ich das Gefühl habe, dass dieser sich im Tierheim aufgrund der schon erwähnten Umstände nicht optimal entwickeln kann.

 

 

Was genau macht man bei der Arbeit im Tierheim?

Der größte Teil meiner verhaltenstherapeutischen Arbeit besteht in der Sozialisierung ängstlicher Katzen.

Und so sieht das ungefähr aus: Ich sitze in einem kleinen Zimmer auf dem Boden und versuche ungefährlich zu wirken. Die Katzen werden mit gekochtem Hühnerfleisch und interessantem Spielzeug bestochen und ich verbringe einfach viel Zeit mit ihnen.

In den ersten Tagen sitze ich meist alleine herum und bekomme keine Katze zu Gesicht, weil sich alle verkrümelt haben. Nach und nach entwickelt sich dann eine Bindung, die ich dazu benutze, dem Tier die Angst vor Menschen zu nehmen oder ihm einfach gute Erfahrungen mit Menschen zu vermitteln, so dass sie sich den etwaigen Interessenten besser präsentieren und in einem neuen Zuhause weniger Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung haben.

Bei Katzen mit aggressiven Tendenzen versuche ich über Clickertraining und Spielen Impulskontrollen und Frustrationstoleranz zu erhöhen. Allerdings muss man ganz klar sehen, dass ich im Tierheim oft nur den Anfang machen kann.

Hat sich eine gute Seele für meine Schätze gefunden, betreue ich im Rahmen meines Ehrenamts auch die Zeit der Eingewöhnung im neuen Zuhause. Wenn das gewünscht wird unterstütze ich auch bei der Vergesellschaftung mit bereits vorhandenen Katzen oder Hunden. Was wir oft feststellen: Meistens sind die „etwas komplizierteren“ Katzen für ihre neuen Halter eine ganz besondere Bereicherung, der Mensch ist gefordert mehr in die Beziehung einzubringen und ist stolz auf jeden kleinen Erfolg.

Darüber hinaus helfe ich im Tierheim selbstverständlich auch bei alltäglichen Arbeiten (putzen, füttern, bürsten, peppeln, Medikamentengabe), übernehme Krankentransporte, fange verwilderte Katzen für die Kastration ein, baue Kratzbäume auf, helfe die Gehege und Zwinger artgerecht zu gestalten und bastele Katzenspielsachen.

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