U Bahn Fahrer werden Titelbild

Unterwegs im Untergrund: ein U-Bahn Fahrer im Interview

Die Berliner U-Bahn wurde 1902 eröffnet und hat sich bis heute zu einem Netz mit 146 Kilometern Länge weiterentwickelt, das von 10 Linien befahren wird. Insgesamt tummeln sich dort 1242 Züge, die 173 Bahnhöfe anfahren. Jeder, der einen gemächlichen Busverkehr gewohnt ist und dann einmal mit der U-Bahn durch Berlin reist, ist erstaunt darüber wie schnell man von A nach B kommt. Wichtig dafür sind natürlich die U-Bahn Fahrer, die dafür sorgen dass die Züge zur richtigen Zeit am richtigen Ort angkommen. Im heutigem Interview habe ich dem unter dem Pseudonym Zugfahrer agierenden Autor des gleichnamigen Blogs ein paar Fragen zu seinem Alltag gestellt.

 

 

 

Aus welchem Grund wolltest du Zugfahrer werden?



 

Ich hoffe die Antwort schockt jetzt nicht zu sehr: Ich wollte nie Zugfahrer werden. Ich bin es geworden, war erst ziemlich enttäuscht und wollte hinschmeißen, habe dann die Vorzüge kennen gelernt und heute bin ich froh das es so gekommen ist. Ich bin über die Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb zu den Berliner Verkehrsbetrieben gekommen. Da man einen allgemeinen Ausbildungsvertrag hat kann man nie sagen, für welches der drei Verkehrsmittel man ausgewählt wird: Bus, Straßenbahn oder U-Bahn. Von den 18 eingestellten gehen 8 zum Bus, 6 zur U-Bahn und 4 zur Straßenbahn. So war zumindest damals die Quote. Ich wollte unbedingt zum Bus. Das wollten wir alle. Wie auch die anderen hatte ich dieses schöne Bild im Kopf mit einem “Großen Gelben” rund um die Siegessäule zu kurven, King of the Road zu sein. Tja, und dann kam die Zuteilung zur U-Bahn.Ich war riesig enttäuscht, erwägte sogar die Kündigung. Ich konnte mir damals nicht vorstellen etwas positives abringen zu können. In meiner Vorstellung hätte auch ein dressierter Affe diesen Zug fahren können, Knöpfchen hier und Knöpfchen da, schon gehts. Wie sehr ich mich irrte merkte ich dann bei Beginn des Lehrgangs zum Zugfahrer. Es war klasse, ich konnte mir nichts anderes mehr vorstellen. Ich entdeckte meinen Spaß an dem System Eisenbahn, wie toll es ist einen Fehler gefunden zu haben und den Zug wieder in Gang setzen zu können. Dazu die unterschiedlichen Baureihen, alle ein wenig anders, mit Besonderheiten die man im Kopf behalten muss auch wenn jahrelang nichts eintrat. Toll. Das war genau das was ich machen wollte. Und spätestens als dann das Signalbuch und die Fahrdienstvorschriften kamen war mir klar, hier sitzt kein dressierter Affe. Dazu Streckenkenntnisse, Fahrzeiten, etc. Schön war es natürlich auch mitzubekommen wie nervlich runter die Kollegen im Lehrgang Bus waren mit den ständigen Staus und Verspätungen. Heute bin ich, kurz gesagt, sehr glücklich Zugfahrer zu sein und möchte nicht mehr von der U-Bahn weg. Es war, auch wenn es komisch klingt, wie eine Fügung von oben die erkannt hatte was eigentlich zu mir passt.

 

_U Bahn Alexanderplatz

 

Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, um Zugführer werden zu können?

Hier muss ich gleich mal korrigieren, zum Zugführer kann ich leider nichts sagen, wir bei der U-Bahn sind Zugfahrer ;) . Wichtig ist, seine Konzentration über lange Zeit aufrecht halten zu können. Man muss mit Verantwortung umgehen können, immerhin passen bis zu 1000 Leute in den Zug. Bei Fußballverkehr noch mehr :) . Grundlegendes Verständnis vom elektrischen Strom und Pneumatik sollte nicht fehlen, da man im Schadensfall seinen Zug von der Strecke kriegen muss. Und das größte Problem sind da meistens die Luftwege oder irgendwelche ausgelösten Kleinselbstschalter. Wo wir gerade bei Schadensfällen sind: Belastbar und robust sollte man sein. Es kann monatelang nichts passieren, man fährt einen ruhigen Dienst nach dem anderen, und dann passiert es: Dein Zug bremst sich fest, Fahrsperre lässt sich nicht mehr einschalten und du stehst mitten im Tunnel. Du musst auf Fehlersuche durch den Zug gehen. Die Fahrgäste belagern dich, die Leitstelle hängt einem im Nacken. Vielleicht lockt auch noch der Feierabend. In so einer Situation darf man nicht zusammenbrechen, man muss diese Stemmen können und funktionieren. Und leider sind unsere Fahrgäste nicht die verständnisvollsten. Und so als letzte Fähigkeit würde mir die Leidensfähigkeit einfallen. Man muss sich halt darauf einstellen, sein soziales Umfeld ziemlich selten zu sehen. Dazu noch einen verkorksten Biorythmus dank dem Schichtdienst. Ich denke das wäre so ziemlich alles. Dass man sich in seiner Stadt ein wenig auskennen sollte, keinen Ghettoslang gegenüber dem Fahrgast anschlagen sollte, ich denke, dies sind alles Faktoren die man als bekannt voraussetzen kann ;) .

 

Ist es nicht manchmal etwas eintönig, wenn man eine U-Bahn fährt? Es gibt ja praktisch nichts zu sehen.

Nein, eigentlich nicht. Es gibt viel zu sehen, ansonsten hätte ich ja auch einen ziemlich leeren Blog. Wenn man auf einem Hochbahnabschnitt fährt kann man auch sehen was unter einem auf der Straße passiert oder in den Häusern daneben: Nicht jeder hat Vorhänge vor den Fenstern ;) . Und ansonsten muss man nur mal auf seine Fahrgäste achten, da gibt es genug zu beobachten.

 

Musst du als U-Bahn Fahrer trotz der Tatsache dass du alleine durch einen engen Tunnel fährst umsichtig fahren?

Ja, sicher. Es kann ja immer ein Hindernis im Weg liegen, der Fahrweg ist also ständig zu beobachten. Zudem ist auf Geschwindigkeitsbegrenzungen zu achten sowie auf den richtig eingestellten Fahrweg. Um den Fahrgästen unangenehm harte Bremsmanöver zu ersparen sollen wir auch vorausschauend fahren, ist das Signal also noch nicht auf Fahrt dann schonmal langsam ausrollen lassen etc. Die volle Verantwortung lastet dann auf mir wenn ein Signal gestört ist oder eine Gleisbesetztmeldung liegen bleibt. Dann kann das Stellwerk mir kein Fahrtsignal geben und erteilt mir entweder ein Ersatzsignal oder eine mündliche Zustimmung zur Vorbeifahrt am haltzeigenden Signal. Dann muss ich auf Sicht fahren mit stark verringerter Geschwindigkeit. Dabei ist die richtige Stellung der Weichen, Profilfreiheit des Zuges, Hindernisse im Gleis oder das Auftauchen anderer Züge vor einem zu beachten. Laut Vorschrift ist eine Geschwindigkeit von maximal 20km/h beim Fahren auf Sicht anzuwenden, diese verringern wir aber je nach Situation. Ich werde kaum mit dieser Geschwindigkeit um eine Kurve fahren wenn die Fahrt nicht nach Signal erfolgt. Der Paragraph für das Fahren auf Sicht ist so ziemlich der am besten gelernte in der ganzen U-Bahn :) . Wenn er nicht sogar der wichtigste ist.

 

Werden die Gleise automatisch so gestellt, dass du richtig fährst oder kannst du das selbst steuern?

Die Weichen werden vom Weichensteller im Stellwerk für mich gestellt. Ich muss allerdings dafür sorgen, dass diese auch meinem Fahrtziel entsprechen. Dies ist manchmal nicht ganz einfach, da man sich ziemlich viel dafür merken muss. Viele unterschiedliche Fahrwege werden nur durch andere Geschwindigkeiten signalisiert.

 

Eine U-Bahn beschleunigt – im Vergleich zu einem Bus – ziemlich flott. Benutzt du beim Anfahren immer die volle Leistung oder könnte die Bahn sogar noch schneller?

Es wird in der Regel immer mit der vollen Leistung angefahren. Wir haben ja auch keine Zeit im Fahrplan zu verschenken. Zeit im Fahrplan bedeutet mehr Züge, und Züge benötigen Geld. Also wäre langsameres Anfahren teurer. Es gibt die Möglichkeit mit halber Kraft anzufahren, dies ist zum Beispiel bei widrigen Schienenverhältnissen wichtig um ein Durchdrehen der Räder zu verhindern. Ansonsten drückt man den Fahrtaster herunter und der Zug fährt in der gewünschten Kilometerstellung an.

 

Was macht dir als Zugfahrer mehr Spaß? Längere Strecken mit wenig Haltestellen oder kurze Strecken mit vielen Haltestellen?

Eindeutig die längere Strecke, die Anzahl der Bahnhöfe ist dabei völlig egal. Mir kommt es nur darauf an weniger Fahrten am Tag durchzuführen um einen Drehwurm zu vermeiden. Auf der U1 hat man beispielsweise bis zu 11 Fahrten vor der Pause, auf der U2 sind es ca. 5. Es ist einfach auch motivierender wenn man auf den Dienstzettel guckt und sieht “Okay, das nächste mal von Pankow fahre ich zur Pause” anstelle von “Okay, noch 4 mal von Warschauer und dann ab zur Pause”.

 

Hast du dich schon einmal verfahren?

Ja, allerdings ohne Auswirkungen. Wenn wir Taktübergänge haben von 5-Minuten in den 10-Minuten Takt müssen Züge aussetzen, da man einfach nicht mehr so viel benötigt. Mein Zug sollte Deutsche Oper aussetzen. Am Bahnhof Deutsche Oper setzen immer zwei Züge aus. Der erste ist ein 4-Minuten-Takt Aussetzer und fährt auf das linke Mittelgleis (Gleis 4), entleert den Zug und fährt dann in den Überführungstunnel zur U7 um den Zug dort auszusetzen. Der zweite Zug bleibt dann im Bahnhof auf Gleis 4 stehen. Ich war der zweite Aussetzer, mit meinen Ansagen beschäftigt und mir fiel dabei nicht auf, dass ich das falsche Signal bekommen hatte und nicht auf das Mittelgleis abbog. Plötzlich fuhr ich dann auf das reguläre Gleis Richtung Ruhleben ein und dachte mir nur “Scheiße!”. Kurze Rücksprache mit der Leitstelle und ich entleerte den Zug und fuhr dann als Betriebsfahrt nach Stadion. Dort ist unsere Betriebswerkstatt und einige Gleise zum Abstellen von Zügen. Da habe ich den Zug dann gelassen.

Zum Glück sind mir ansonsten alle falschen Fahrwege aufgefallen. Wenn zum Beispiel statt nach Kurfürstendamm am Bahnhof Wittenbergplatz die Fahrt nach Augsburger Str. eingestellt ist.

 

Hast du als Zugführer Kontakt zu deinen Fahrgästen oder siehst du durch eine Kamera, was im Zug passiert?

Nein, ich sehe nicht was im Zug passiert. Das Auslesen der Festplatten der Kameras ist dank des Datenschutzes ein schwieriges Unterfangen. Kontakt zu den Fahrgästen besteht dennoch genug. Leute die vorne Klopfen, Rollstuhlfahrer die die Rampe benötigen, Notbremsen oder einfach nur Gesten beim Aussteigen. Und im ersten Wagen kann ich dank dünner Wand mithören ;) .

 

Wie ist Beruf als U Bahn Fahrer

 

Welcher Part beim Fahren ist am schwierigsten?

Das Bremsen. Gute 200 Tonnen aus 60km/h ziemlich punktgenau am Haltepunkt anzuhalten um im Abfertigungsspiegel auch noch gut sehen zu können ist die tägliche Kunst. Jede Zugzusammenstellung verhält sich beim Bremsen etwas anders, dann kann es noch Störungen der E-Bremse geben so dass man auf die Rückfallebene zurückgreifen muss, das direkte Bedienen der Druckluftbremse. Das ist nicht ganz ohne, aber man klingt dafür wie ein Regionalexpress beim Anhalten :) . Ansonsten ist die Entstörung des Zuges anspruchsvoll. Plötzlich geht nichts mehr und man ist gefragt. Wobei die häufigste Störung leider die Türstörung ist, da unsere Fahrgäste es nicht kapieren wann man nicht mehr Einsteigen darf…


 

Was macht dir Freude an deinem Beruf?

Jeder Tag ist anders. Ich weiß morgens beim Aufstehen nicht was passiert. Wird es ruhig werden oder haben wir eine dicke Störung? Machen die Fahrgäste Ärger, sind viele Touristengruppen unterwegs, haben wir irgendwo eine Großveranstaltung, etc. Ich mag die Abwechslung. Außerdem macht es mich stolz wenn kleine Kinder am Bahnsteig sich fast überschlagen um mir noch zum Abschied zu winken.

 

 

Bilder: Titelbild: Clker; 1. U Bahn Bild Alexanderplatz: einfachgefragt; 2. U Bahn Bild unten mit Bahnsteig: FotoHiero  / pixelio.de

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