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Wie arbeitet es sich als Arzt? Stega im Interview

Die Anzahl der Ärzte in Deutschland steigt stetig an, so waren es 1990 noch 238.000 Ärzte, sind es 2013 schon deren 357.000. Die höchste Ärztedichte herrscht übrigens in Bremen mit 6,3 Ärzten pro 100.000 Einwohnern, die niedrigste in Baden-Würrtemberg mit nur 3,5 Ärzten pro 100.000 Einwohnern. Zusätzlich ergaben Umfragen dass der Arzt der am höchsten geachtete Beruf in Deutschland ist und auch in Sachen Bezahlung stets in der Top Ten der Berufe vertreten ist. Wie hinter diesen trockenen Zahlen das Arbeiten als Arzt ist, erzählt uns Stega, der auf seinem Blog über seine täglichen Erlebnisse in der Klinik schreibt, heute im Interview.

 

 

Wie lange muss man studieren, lernen und ausgebildet werden bis man sich einen Arzt nennen kann?

Man muss zunächst das Abitur möglichst gut machen, damit man sich danach auf einen Medizinstudiumsplatz bewerben kann. Über eine zentrale Vergabestelle wird man dann entweder direkt an einer Uni zugelassen oder muss Wartesemester ansammeln, bis man einen Platz zugeteilt bekommt. Angerechnet wird auch eine Ausbildung im medizinischen Bereich (zum Beispiel Rettungsassistent). Je nach Jahrgang und Bewerberzahl schwankt die Grenze der Abitursnote, der sogenannten “Numerus clausus”, zwischen 1,1 – 1,5. Wenn man seinen Studiumsplatz ergattern konnte, beginnt ein Studium, das im Regelfall 12-13 Semester dauert. Davon sind 4 Semester die sogenannte “Vorklinik”, bestehend aus Biologie, Chemie, Physio, Biochemie, Anatomie, Physiologie und andere Grundlagenfächern. Daneben muss man in den Semesterferien ein dreimonatiges Pflegepraktikum absolvieren. Wenn man dies alles bestanden und absolviert hat, folgt das “Physikum”, das erste Staatsexamen.



Von Semester 5 – 10 schließt sich daraufhin die “Klinik” an, in der man durch alle Fachbereiche der Medizin rotiert; angefangen von Vorlesungen in Chirurgie und Medizin bis hin zu Augenheilkunde, Humangenetik, Arbeits- und Rechtsmedizin. Daneben gibt es (je nach Uni unterschiedlich lange) praktische Teile zu absolvieren. Bei uns gab es zum Beispiel neben den Vorlesungen und Seminaren 8 Wochen Chirurgie in der Uniklinik am Krankenbett mit Patientenkontakt und Nahtkurs etc, 2 Wochen Kinderheilkunde im Klinikalltag und so weiter. Das hängt aber vom Plan der jeweiligen Uni ab, wie dies gestaltet wird. Zwischen Semester 5 und 10 muss man noch sogenannte Famulaturen in den Semesterferien machen, das sind im Prinzip Praktika in Krankenhäusern/Praxen, die man sich relativ frei selbst einteilen und aussuchen kann (am Ende muss man auf eine bestimmte Zahl an Tagen und eine bestimmte Verteilung zwischen Praxis- und Klinikfamulatur kommen). Hier bekommt man die Gelegenheit nach seinen Interessen Einblicke in die Fachbereiche zu erhalten – wer zum Beispiel weiß, dass er gerne mal Augenheilkunde machen möchte, der kann zum Beispiel 4 Wochen in einer Augenklinik famulieren und weiß danach, wie das Arbeiten als Augenarzt in der Klinik in etwa aussieht.
Am Ende des 10. Semesters wird seit diesem Jahr wieder (zuvor war das ein Jahr später) eine schriftliche Prüfung abgelegt (das zweite Staatsexamen).

Wenn man diese Prüfung bestanden hat, kommt man in das sogenannte “Praktische Jahr”. In diesem (auch wieder je nach Uni leicht unterschiedlich geregelt) muss man je 4 Monate Chirurgie, Innere  Medizin und ein Wahlfach in einer anerkannten Klinik absolvieren und dort als “PJ’ler” mitarbeiten. Man hat hier neben dem normalen Arbeitsalltag der Klinik noch je nach Klinik Seminare, Kurse und darf zunehmend selbst Patienten betreuen und mit den Ärzten entscheiden/im OP assistierten. Im Praktischen Jahr nutzen viele Studenten die Möglichkeiten ins Ausland zu gehen und dort eines der Tertiale abzulegen (sehr beliebt ist unter anderem die Schweiz, aber auch England, Skandinavien oder exotischere Länder wie Indien, Südafrika, Australien). Nach dem Praktischen Jahr folgt dann die dritte große Prüfung, eine mündlich-praktische Prüfung am Krankenbett. Wer auch diese besteht, bekommt feierlich sein Abschlusszeugnis und kann damit seine Approbation als Arzt (Zulassungsurkunde) beantragen. Nun ist man offiziell Arzt!

Daraufhin folgt dann die Zeit als Arzt in einer Klinik, in der man sich zu einem Facharzt weiterbilden kann. Dies dauert bei den meisten Facharzttiteln zwischen 5 und 6 Jahren, in denen man in den Kliniken als Assistenzarzt arbeitet und einen Katalog an OPs/Untersuchungen/Fortbildungen und ähnlichem abarbeitet, bis man dann die Facharztprüfung ablegt und schließlich zum Beispiel Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie ist.

Wer vor seinem Namen noch ein “Dr. med” möchte, muss außerdem (was meist schon während des Studiums nebenher begonnen werden kann) eine Doktorarbeit verfassen.

 

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Wie kam es bei dir zu der Entscheidung, Mediziner zu werden?

Einen eigentlichen Auslöser gab es hierfür nicht. Mich haben während meiner Schulzeit viele Berufe gereizt (unter anderem auch Lehramt, BWL,…), aber im Endeffekt stand immer an erster Stelle das Interesse an der Medizin. Zum einen, weil es ein breit gefächerter Beruf ist, in dem man viele Möglichkeiten hat sich selbst zu entwickeln und in verschiedenste Richtungen zu gehen (viele Absolventen fangen nie in einer Klinik an, sondern gehen zum Beispiel zu Medizinverlagen, in die Pharmaindustrie…). Zum Anderen reizt mich das Arbeiten mit den Patienten oder mit Menschen allgemein und die Möglichkeit anderen Menschen in gewissem Umfang zu helfen mit dem, was man ihnen anbietet und tun kann. Zudem ist die Abwechslung an jedem Arbeitstag gegeben und man weiß morgens nie so recht, wie der Tag am Abend gelaufen sein wird – was man von vielen Bürojobs nicht behaupten kann.
Ich habe damals nach dem Abitur Zivildienst in einem Krankenhaus gemacht, um mir sicher zu werden, ob ich wirklich mit Kranken, Angehörigen und dem Umfeld eines Krankenhauses zurecht komme und war positiv überrascht, wie viel Spaß mir das Arbeiten in der Klinik machte. Gleichzeitig habe ich bei einem Ferienjob in einer IT-Abteilung gemerkt, dass ich nicht der Typ für einen Schreibtischjob und ständige PC-Arbeit bin. Deswegen fiel mit die Entscheidung zur Medizin am Ende recht leicht.

 

Wie stressig ist der Alltag in der Klinik?

Das kommt ganz drauf an in welcher Klinik man arbeitet, in welchem Land, in welcher Fachrichtung. Pauschal kann ich das nicht beantworten. Zudem bin ich nach dem Abschluss in die Schweiz ausgewandert, um hier zu arbeiten und zu leben und kann deswegen nichts über den Alltag in der deutschen Klinik als Arzt, sondern nur als PJ’ler und Student sagen (beziehungsweise das, was ich währenddessen erlebt habe). Der Alltag ist vor allem in Unikliniken durch den wissenschaftlichen Druck und den Druck “exzellent und herausragend im Wirken” zu sein und “für die Klinik zu leben” recht hoch. Viele Ärzte arbeiten deutlich mehr als sie vertraglich oder arbeitsrechtlich müssten beziehungsweise dürften. Wer einen 8 – 16.30 Uhr Job sucht, sollte sich nicht die Medizin aussuchen; zumindest für die Jahre bis zum Facharzt und der eigenen Praxis ist das fern aller Realität. Normale Arbeitswochen umfassen in Deutschland vertraglich zwischen 40 und 42h; mit Überstunden und Nacht- und Wochenenddiensten kommt man aber sehr schnell auf 60-80 Stundenwochen und mehr. Hier in der Schweiz herrscht eine 50-Stunden-Woche für Ärzte und soweit ich das nach meinen ersten sechs Monaten einschätzen kann, ist das im Mittel eine realistisch einzuhaltende Arbeitsbelastung.

Stressig im Alltag der Klinik ist meist, dass man viele Dinge gleichzeitig zu erledigen hat. Sei es, dass die Pflege anruft und etwas wissen will während man gerade einen Entlassbrief schreibt; oder der OP ruft während man Visite macht; vielleicht will auch der Oberarzt etwas wissen und man ist gerade bei der Pflege zur Besprechung von einer neu angesetzten Medikation… man hat in der Klinik selten eine Aufgabe nach der anderen, sondern jongliert oft mit mehreren Bällen gleichzeitig. Das erzeugt öfters Stressgefühle.

Stressig kann es auch werden, wenn man auf der Notaufnahme arbeitet und es viele Patienten hat, die alle gleichzeitig behandelt werden möchten. Auch hier muss man sich viele Dinge in kurzer Zeit merken können und fix das wesentliche Problem begreifen und behandeln können. Nebenbei den Angehörigen die Dinge erklären, der Pflege die Aufträge erteilen, dem Oberarzt den Behandlungsplan vorstellen.

Aber zusammengefasst ist der Alltag oftmals so stressig, wie man ihn selbst erlebt, abhängig wie man sich selbst organisiert und wie effektiv man arbeitet und viele Ärzte brauchen ein gewisses Maß an Adrenalin, um so richtig in Fahrt zu kommen (gerade in der Unfallchirurgie, wo jede Sekunde ein Schwerverletzter eingeliefert werden könnte).

 

697847_web_R_B_by_Martin Jäger_pixelio.de

 

Passiert es manchmal dass man einem Patienten nicht helfen kann?

Viel öfter, als man denkt! Zuerst fällt einem natürlich eine Krebserkrankung ein, bei der irgendwann keine Therapie mehr anschlägt. Oder bei der es noch keine richtige Therapie gibt. Für viele andere Krankheiten gibt es bis heute auch nur symptomatische Therapie, aber keine, die die Ursache bekämpft und die Krankheit heilen kann (zum Beispiel HIV, Multiple Sklerose, ALS…). Aber auch in anderen Fachrichtungen gibt es immer wieder Situationen, wo man dem Patienten nicht helfen kann (bei Rückenschmerzen zum Beispiel gibt es zwar Therapieansätze, aber viele Patienten haben lange Leidensgeschichten, viele frustrierende Versuche der Therapie und leiden weiterhin). Man muss als Arzt lernen, dass man sich eingestehen muss, dass man nicht immer allen Patienten zur vollsten Zufriedenheit helfen kann und dass es viele Dinge im und am Körper gibt, die auch für die heutige Spitzenmedizin noch nicht zu beheben sind.

 

Nehmen dich die Schicksale mancher Patienten mit?

Als ich vier Wochen auf der Onkologie (Krebsstation) als Student war, habe ich viele ergreifende Schicksale erlebt und gehört. Einige Patienten starben, die ich gut kannte; den meisten Patienten ging es nicht gut. Das ist bewegend und man muss sich selbst vor zu viel Ergriffenheit schützen, um zu funktionieren.

Da ich bisher viel in der Orthopädie und Unfallchirurige war und es dort viele glückliche Patienten gibt, denen man mit einer OP helfen konnte (zum Beispiel neues Hüftgelenk und danach wieder Fahrrad fahren können; nach einem Unterarmbruch operiert und wieder gesund), gehen mir die Fälle, in denen etwas schief läuft oder ich von schweren Schicksalen eines Patienten höre, teilweise nach. Wenn ein junger Familienvater plötzlich schwer erkrankt und nach 15 Operationen beide Beine verliert, das lässt niemanden kalt. Oft ist es aber auch so, dass ich für den Moment das Schicksal hart finde und ergriffen bin, aber ich mich relativ rasch davon löse und auf die professionelle Ebene zurückkehre, um weiter effektiv und gut zu behandeln und handeln zu können. Wenn man alles zu nahe an sich heranlässt, würde man selbst zerbrechen. Zynismus und andere Strategien (oft leider auch Alkohol und Rauchen) entwickeln sich nach veröffentlichten Studien im ersten Arbeitsjahr als Möglichkeit des Zurechtkommens mit Leid und Tod. Die Selbstmordrate unter Ärzten ist eine der Höchsten!

Mir helfen der Sport und Freunde nach dem Feierabend die Klinik hinter mir zu lassen und nicht mehr abends wach zu liegen und an einzelne Patienten zu denken.

 

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Wie abgehärtet muss man sein wenn es darum geht, blutige Verletzungen oder ähnliches anzusehen und zu behandeln?

Ich würde sagen, das hat wenig mit abgehärtet sein zu tun. Wer beim Blutabnehmen sein eigenes Blut nicht sehen kann oder wem schon beim Anblick einer spitzen Nadel schlecht wird, der wird wohl eher Psychiater ;) Natürlich gibt es ein paar weniger schöne Dinge, die man im Klinikalltag sieht; von chirurgischer Seite aus betrachtet sind das wohl am meisten diabetische Füße mit stinkenden offenen Wunden, Stuhl im Bauch oder im Darm (mein persönliches Ihgitt) und nicht schön heilende, offene und chronische Wunden. Auch Erbrochenes ist nicht mein Lieblingsgeruch.

Im Akutfall bei blutigen Verletzungen, denke ich, ist man nach 6 Jahren Studium (in denen man auch einige Bilder und Patienten sieht) so professionell, dass man an die Hilfe und Erstmassnahmen denkt und keine Zeit hat sich zu überlegen, wie eklig etwas ist oder wie blutig. Da muss man funktionieren und seinen Behandlungsalgorithmus abarbeiten. Danach kann man sich von Kopf bis Fuss desinfizieren, wenn es einen ekelt, aber in der Situation muss man richtig und schnell handeln.

Im Laufe der Zeit wird man, denke ich, da aber auch abgehärtet, weil man schon Dinge gesehen hat und immer mehr Dinge sieht, die “Normalmenschen” als schlimm ansehen würden.

 

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Gibt es zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten mehr Patienten?

Definitiv! Auch hier muss ich die Einschränkung machen, dass ich nicht allgemein sprechen kann, weil es natürlich abhängt, in welchem Land/Klinik/Fachrichtung man arbeitet. Was ich zum Beispiel beim Kinderarzt in einer Famulatur erlebt habe war, dass es im Winter mehr Husten-Schnupfen-Heiserkeit gibt, im Frühjahr dann Allergien und Verletzungen (weil Spielen auf dem Spielplatz und draußen), im Herbst gerne mal Magen-Darm-Grippe-Wellen… und wenn ein Kind im Kindergarten Windpocken hat, dann kann man sich sicher sein, dass in den Tagen darauf mindestens noch 3 weitere in der Praxis erscheinen, die sich angesteckt und dann auch die Windpocken haben.
In der Orthopädie gibt es meist im Sommer eine kleinere Flaute, weil sich niemand ein neues Gelenk im Sommer einbauen lassen will (zu heiß, zu lange nicht schwimmen/wandern/Wetter genießen).
In der Unfallchirurgie kommen bei gutem Wetter mehr Unfallverletzte auf die Notaufnahme (umgeknickte Knöchel, Stürze, Fahrradunfall…). Am Wochenende ist mehr los als unter der Woche, weil die Menschen mehr Zeit haben sich zu bewegen, unterwegs sind, unvorsichtiger daheim handwerken… An Tagen, an denen nachmittags die Hausärzte ihre Praxen geschlossen haben, ist auf der Notaufnahme in der Klinik mehr los, weil die Patienten dann eben ins Krankenhaus fahren. Auf dem Notfall ist morgens meist weniger los als mittags, weil im Laufe des Tages die Patienten erst krank werden oder verunfallen und man morgens noch auf dem Weg zur Arbeit/Schule gesund und munter war…


Welche Arbeit in einem Krankenhaus oder am Menschen macht dir am meisten Spaß?

Mir perönlich macht die Mischung aus Operationen und kurze Nachbetreuung des Patienten am meisten Spaß, deswegen bin ich in die Orthopädie/Unfallchirurgie gegangen. Ich möchte dem Patienten mit seinem spezifischen Problem eine Lösung anbieten können, diese umsetzen und dann einen glücklichen Patienten nachbetreuen können. Im Prinzip sind das die Momente, die jeder schätzt: ein glücklicher Patient, der ein Danke sagt, weil er wieder gesund ist, weil der Knochenbruch gut verheilt ist, weil er im Alltag wieder Teilhaben kann – oder auch nur, weil die Betreuung in der Klinik zufriedenstellend war und man ihm Ängste und Sorgen nehmen konnte. Das Lächeln der Patienten und deren Dank, das ist eines der Dinge, für die ich und wir Ärzte allgemein, sehr gerne arbeiten.

 

 

Bilder: Titelbild: Clker; Op-Besteck: Martin Jäger  / pixelio.de; Vitalfunktionen: Martin Jäger  / pixelio.de; Ärztin: Tim Reckmann  / pixelio.de; Anschlüsse: Ekaterina Benthin  / pixelio.de

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