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Wie ist das Leben als Homosexueller? Tom im Interview

Sexuelle Orientierung ist statistisch nur schwer zu erfassen, aber der deutsche Mikrozensus zählt derzeit gut 67.000 gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Deutschland. Seit 1996 mit 38.000 Partnerschaften hat sich diese Zahl also fast verdoppelt. Wie das Leben als Homosexueller ist, kann man sich als Außenstehender dabei nicht unbedingt vorstellen. Mein heutiger Interviewpartner Tom, der auf seinem Blog mehr aus seinem Leben schreibt, erzählt uns heute ein bisschen mehr darüber.

 

 

Wann wusstest du dass du homosexuell bist?

Ich habe schon relativ früh, also mit 13 oder 14 gemerkt, dass ich schwul bin.


Wie hast du gemerkt dass du schwul bist? Gibt es da so einen Aha-Moment oder entwickelt sich das mit der Zeit?

Das ist eine gute Frage. Ich kann mich an viele kleinere Situationen erinnern, in denen ich gedacht habe: „Mensch, irgendwas ist doch hier komisch.“ Ich habe zum Beispiel früher immer wenn meine zwei Schwestern Fernsehen geguckt haben und ich dabei saß eher auf die männlichen Darsteller oder Figuren geachtet und eben nicht auf Frauen. Zunächst war mir das auch gar nicht so bewusst, bis die beiden dann auch mal anfingen darüber zu reden wen sie denn heiß fanden und ich so im stillen bei mir dachte: „Ja, den finde ich auch attraktiv … müsste das nicht eigentlich anders sein?!“

Aber ich kann mich auch schon an andere Momente viel früher zurückerinnern. Das sind nun vielfach Dinge die auch gut ins Klischee passen, aber bei mir war es nun mal so. Ich hatte immer schon größtenteils weibliche Freunde, spielte als kleines Kind lieber mit Puppen und den alten My little Ponies von meinen Schwestern und habe mir tatsächlich mal den Playmobil Zauberwald zum Geburtstag schenken lassen, weil ich das Einhorn so toll fand. Auch beim Verkleiden habe ich häufiger zu Röcken oder glitzernden Gürteln gegriffen, anstatt mich in einen Ritter oder Roboter zu verwandeln. Im Nachhinein verwundert es mich auch nicht, dass ich so wenige männliche Freunde hatte, einfach aus dem Grund, dass meine Interessen ganz andere waren. Während die meisten Jungs von Fußball, Autos und Frauen schwärmten, war ich eher für Mode, einen DVD Marathon „Sex and the City“ und den neuesten Klatsch und Tratsch zu haben. Das hat sich auch weitestgehend nicht geändert – manchmal bin ich einfach eine richtige Tussi ;)

Mit 13 oder 14 war mir das aber alles nicht so präsent wie jetzt. Das war ein eher schleichender Prozess. Die Idee war auf jeden Fall da und immer wieder kam mir die Möglichkeit schwul zu sein in den Sinn und ich glaube das geht wirklich vielen so, aber bis man sich das dann mal eingesteht und akzeptiert anders zu sein, das hat gedauert. Zumal ich in der Zeit in der Schule auch schon ziemlich gehänselt wurde und alles gegeben hätte so zu sein wie die Anderen. Also Verdrängung hat da eine große Rolle gespielt.

 

662145_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de

 

Wann hattest du dann dein Coming Out? Wie waren da die Reaktionen, war es für dich selbst eine Befreiung?

Das erste Mal geoutet habe ich mich mit 15 bei meinem damaligen besten Freund und bin damit direkt auf die Nase gefallen. Ich war Nachmittags bei ihm und er redete über seinen Schwarm und aus heiterem Himmel fragte er mich: „Sag mal bist du eigentlich schwul?“. Ich war natürlich total perplex, aber so ganz überraschend kam die Frage nicht, weil ich in der Schule von meinen Klassenkameraden häufig als Mädchen oder schwul bezeichnet wurde. Mein Herz pochte wie verrückt und ich wusste auch zunächst nicht genau was ich sagen sollte. Aber dann entschied ich mich dazu meinem Freund zu vertrauen und sagte ihm was Sache ist. Ein schwerer Fehler, denn am nächsten Tag wusste es gefühlt die ganze Schule.

Dafür bin ich aber nach diesem beschissenen ersten Outing bei den darauf Folgenden immer auf Unterstützung und Freundlichkeit gestoßen. Bei neuen Freunden, in der Uni später oder auch auf der Arbeit waren alle immer sehr tolerant, beziehungsweise sogar mehr noch, sie haben mich akzeptiert. Das hat total den Druck von mir genommen, mich immer verstellen zu müssen. Auf Dauer ist das sehr anstrengend.

Trotz all dieser positiven Erfahrungen steht bei mir noch das größte Outing bevor, nämlich das Outing bei meinen Eltern. Ob es an dem schwierigen Verhältnis zu meinem Vater liegt, oder an der generellen, eher konservativen Einstellung meiner Eltern… ich weiß es nicht. Fest steht aber für mich, dass es so langsam mal sein muss. Es wird eine große Überwindung aber auch eine enorme Erleichterung sein und wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass ich von meinen Eltern “verstoßen werde” oder Ähnliches, aber etwas hält mich immer wieder zurück

 

Wenn du heute auf all das zurückblickst, hattest du viele Probleme oder Ärger in deinem Leben weil du schwul bist?

Ich hatte schon schwierige Zeiten, grade in der Schulzeit. Um es klar auszudrücken: Die Schulzeit war für mich die Hölle – zumindest so zwischen der 7. und 11. Klasse. Ich wurde richtig gemobbt und war dementsprechend häufig krank und tat alles, nicht in die Schule zu müssen. In der Oberstufe war es dann wesentlich besser und die meisten haben mich in Ruhe gelassen.

Mittlerweile hatte ich aber auch einen gefestigten Freundeskreis – das ist viel Wert, denn daraus kann man viel Rückhalt und Kraft ziehen. Ansonsten bin ich bisher ziemlich gut durchs Leben gekommen, anders als so manch anderer den ich kenne. Das liegt aber denk ich mal auch daran, dass man mir das Schwul-sein häufig nicht anmerkt. Wahrscheinlich nehme ich mich dadurch auch unterbewusst aus der Schusslinie. Die Schulzeit im Fokus von dummen Sprüchen und Spott hat mich doch sehr geprägt.

 

652912_web_R_by_Lara Dengs_pixelio.de

 

Denkst du dass Schwule in der Gesellschaft heute gut akzeptiert sind oder gibt es da noch Schwierigkeiten?

Im Allgemeinen denke ich, dass Homosexuelle in der Gesellschaft mittlerweile einen relativ guten Stand haben und es für die viele Menschen auch kaum mehr eine Rolle spielt, welcher sexuellen Orientierung man angehört. Dadurch, dass das Thema in den Medien und auch mittlerweile im Schulalltag häufig angesprochen wird, ist es viel präsenter in den Köpfen der Menschen. Trotzdem, und das muss man auch erwähnen, stoßen viele von uns weiterhin auf Diskriminierung oder sogar Gewalt.

Was mich persönlich sehr betroffen macht, ist die Tatsache, dass Homosexuelle nicht heiraten können. Zwar gibt es die Eingetragene Lebenspartnerschaft, aber das ist ja in keinster Weise gleichgestellt. Für mich ist das wie eine Heirat zweiter Klasse, ein minimales Entgegenkommen um die Meute zu beruhigen. Ich verstehe natürlich irgendwo (nein, ich kann es nachvollziehen), dass eine Kirchliche Hochzeit aufgrund der Ansichten der Kirche für uns nicht in Frage kommt, aber zumindest eine standesamtliche Trauung sollte für uns möglich sein, da wir uns genau so wie heterosexuelle Paare aus Liebe dafür entschließen zu Heiraten.

Eine weitere Sache, die mir so aus dem Stehgreif einfällt, bei der wir noch wirklich diskriminiert werden ist die Tatsache, dass schwule Männer sich nicht als Knochenmarkspender melden lassen dürfen. Laut den Richtlinien der Bundesärztekammer sind homosexuelle Männer eine Risikogruppe, die somit gar nicht erst zur Typisierung zugelassen werden. Das ist nicht nur für uns absolut diskriminierend, sondern verringert auch für die Betroffenen, die auf eine Knochenmarkspende warten, die Chancen, einen passenden Spender zu finden.

 

Welches Land ist da im internationalen Vergleich am weitesten?

Soweit ich weiß sind die skandinavischen Länder in Sachen LGBT-Freundlichkeit weit vorne. In Dänemark wurde zum Beispiel schon in den 90ern ein Gesetz erlassen, welches eheähnliche Partnerschaften unter Homosexuellen anerkannte. Offensichtlich kann man sich bei den Skandinaviern nicht nur vom Bildungssystem viel abgucken ;) . Aber auch von Belgien und den Niederlanden weiß ich, dass sie die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet haben.

 

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Neben Diskriminierung und Benachteiligungen: Hat man als Homosexueller auch Bevormundungen und Vorteile?

Scheinbar wollen alle Frauen mit einem befreundet sein, frei nach dem Motto: „Oh ich wollte schon immer einen schwulen Freund haben!“ ;)


Was würdest du ändern um das Leben für Homsexuelle leichter und besser zu machen?

Wünschenswert wäre es, wenn die Thematik schon sehr früh zum Beipsiel im Kindergarten oder in der Grundschule eingebunden wird. Damit meine ich nicht, dass explizit darüber geredet wird, sondern, dass in Kinder- oder Schulbüchern auch vermehrt Homosexualität gezeigt wird. Dass es nicht immer nur einen Mamabär und einen Papabär gibt, sondern manchmal eben auch einen Mamabär und noch einen Mamabär. Dadurch würde das ganze denk ich relativ schnell zu dem werden was es auch eigentlich ist: normal.

Außerdem fände ich es wichtig, dass LGBTs in den Medien nicht immer als etwas Besonderes und stereotypisch dargestellt werden, sondern so normal und vielfältig wie wir sind und wie auch Heterosexuelle sind. Häufig findet man in Serien oder Shows den „typischen Schwulen“ mit dem gebrochenen Handgelenk und der quäkigen Stimme. Klar, die gibt es auch in der Community, aber es gibt genau so die eher maskulinen Schwulen, denen man es nicht ansieht. Diejenigen, die Germany’s Next Top Model gucken und diejenigen, die sich mit ihren Kumpels ein Fußballspiel reinziehen. Ich finde da ist der Fokus einfach sehr eingeschränkt, aber ich freue mich trotzdem, dass es überhaupt thematisiert wird.

 

 

Bilder: Titelbild: Clker; Gliederpuppen: Tim Reckmann  / pixelio.de; Bus: Lara Dengs  / pixelio.de; Ortsschild: Oliver Klas  / pixelio.de 

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